Jérôme Chazeix

Riten der Jugend

Jérôme Chazeix

10.09.2022 – 19.011.2022
Öffnungszeiten: mittwochs und samstags von 16-18 Uhr und nach Vereinbarung

Eröffnung: 10.09.2022, 19 Uhr

»Riten der Jugend« beschäftigt sich mit Bildern, Symbolen und Codes hypothetischer Riten, die der Jugend gewidmed sind. Die Betrachter*innen werden aufgefordert die angebotenen Spuren und Hinweise in eigene Szenarien umzuwandeln. Mit diebischer Freude schleudert, puzzelt und appropriiert Jérôme Chazeix, reißt Versatzstücke aus verschiedenen Kontexten und verknüpft sie zu neuen Zusammenhängen. Dies ergibt einen popistischen, hochgradig additiven und kombinatorischen Mix, der unseren Zugang zur visuellen Kultur in einem von der digitalen Bilderflut bestimmten Zeitalter hinterfragt. Durch multimediale Erlebnisse, die Chazeix als »Gesamtkunstwerk« bezeichnet, feiert der in Berlin lebende Künstler pulsierende Parallelwelten.

Jérôme Chazeix lädt uns in eine reizüberflutende Parallelwelt in Form einer „Wunderkammer“ ein, die okkulte und esoterische Elemente sowie Mode, elektronische Musik und Einflüsse aus der Massen- und Popkultur miteinander vereint. In seinem „Gesamtkunstwerk“ kombiniert der Künstler verschiedene Materialien und Medien zu einer impulsiven und hypersensibilisierenden Metaphorik der visuellen Kultur. Die mit etwa 2000 Motiven dicht bedruckten Wandtapeten und ein dauerhaft abgespielter Elektro-Sound hüllen uns ein und erwecken das Gefühl von Fremdheit, Desorientierung und schierer Überwältigung. Chazeix spielt mit Querverweisen, die mit dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Medien einhergehen und verbindet neue Arbeiten mit früheren Projekten zu einem komplexen Szenario. Er appropriiert, addiert und dekontextualisiert kulturelle, symbolische und codierte Gegenstände aus unterschiedlichen Epochen und Kontinenten und verweist so auf die universelle Lehre. Der Versuch, einen kunsthistorischen oder philosophischen Zusammenhang zwischen den einzelnen Elementen dieser Komposition zu erkennen, wird fortlaufend unterwandert.
Beim Betreten des ersten Raums werden wir bereits mit einer medialen Bilderflut konfrontiert, die unser Zeitalter definiert und von Chazeix zur Disposition gestellt wird. Die Reduzierung des natürlichen Lichteinfalls auf die Oberlichter lässt den ersten, fast hermetisch verschlossenen Raumteil wie eine Grotte erscheinen. Diese Assoziation mischt sich mit der eines rituellen Tempels sowie im Zusammenspiel mit der elektronischen Musik und dem grellen Licht der Neonröhren mit der Ästhetik eines Techno-Clubs. Die Motive der Grotte und des Tempels finden sich in verschiedenen Variationen auch auf den Wandtapeten wieder und werden umgeben von Schamanen- und Alchemisten-Darstellungen, Abbildern spiritueller Körper, von Artefakten, Kunstobjekten und Reliquien sowie von zahlreichen Handybildschirmen mit Botschaften in hieroglyphischer und mittelalterlicher Schrift. Auf den Tapeten heben sich die freigestellten Bilder der Grotten, Schamanen und Löweskulpturen von ihrem Untergrund ab und bilden innerhalb der gesamten Installation drei tragende Momente, die sich in der Architektur, in Werten wie Kraft und Stärke sowie in der Verbindung von Himmel und Erde äußern. Die gewählten Body Paint-Farben der männlichen Akte folgen Goethes Farbenlehre. Diese steht in Verbindung mit einem geschlossenen, idealistischen Weltbild, das von Rudolf Steiner und der Anthroposophie in die Gegenwart getragen wurde. Die bemalten Körper sind skulpturenhaft in Posen erstarrt. Sie weisen Referenzen zu Ikonen aus der Antike auf und lassen Momente spiritueller Ekstase und Illumination sichtbar werden. Die Mischung von Farbe und Joghurt verleiht den Körpern eine marmorierte Oberfläche und verstärkt somit die skulpturale, antike Ästhetik. Der Vorhang im ersten Raum fasst alle auf den Tapeten gezeigten Aktfiguren zusammen und präsentiert verschiedene körperliche Stadien der Erleuchtung als Gesamtbild.
Die Slogans auf den Smartphone-Displays, wie „Du bist eine lodernde Fackel“, „there is something magic in all this“ und „Entlastung vom Schmerz der Welt“, sind mit positivem Denken besetzt und vermitteln den Wunsch nach Katharsis, Fortschritt und Verortung des Selbst. Sie befinden sich zugleich in einem Übergangsprozess, in dem sie ihre ursprüngliche Bedeutungskraft verlieren oder bereits verloren haben und inhaltlich neu besetzt werden können. Auf dem Vorhang im zweiten Teil des Raumes finden sich alle Displays und Botschaften wieder. Viele der dargestellten Smartphones sind mit menschlichen Händen nahezu verwachsen. Sie lassen sich einerseits als Symbol für den heutigen Zeitgeist verstehen, muten jedoch auf den Tapeten wie Kunstobjekte und Reliquien aus der Vergangenheit an.
Zwei Videos im Loop werden abgespielt, die Chazeix unter dem Titel new consciousness zusammenfasst. In new consciousness I tanzen junge Erwachsene den Shuffle (2019), der über Social Media in den 2000er Jahren einen Boom erlebte und durch seine spezifischen Bewegungsabläufe eine Art Schwebezustand suggeriert. Der beständige Elektro-Sound rührt von der Videoarbeit new consciousness III, die eine Teenager-Gruppe beim Tanz im Stroboskoplicht zeigt. Chazeix lud die Jugendlichen im Jahr 2010 innerhalb der im Künstlerhaus Meinersen ausgestellten Installation Golden Dance ein, in der Ausstellung zu tanzen und ihre Energie auf den Raum zu übertragen. Dieses Projekt stellt der Künstler nun in einen neuen Zusammenhang. Die Betrachter*innen selbst werden hier ebenso animiert, in die repetitiven Bewegungen einzusteigen und sich in ‚Ekstase‘ zu tanzen. In partizipatorischen Projekten wie diesen reflektiert und hinterfragt Chazeix die Ideen des modernen Ausdruckstanzes, die sich in der Befreiung des Selbst und der Stärkung des Körperbewusstseins ausdrücken und die Überwindung von Geschlechterrollen und sexueller Unterdrückung intendieren. Der therapeutische Ansatz wird hier durch die formale und ästhetische Ebene überlagert. Zugleich betont der Künstler die Energetik des Tanzes und schreibt ihr im Prozess der Transmission eine bedeutende Rolle zu.

gefördert vom Kulturamt

stadt-leipzig

Riten der Jugend

Jérôme Chazeix

10.09.2022 – 19.11.2022
Öffnungszeiten: mittwochs und samstags von 16-18 Uhr und nach Vereinbarung

Eröffnung: 10.09.2022, 19 Uhr

»Riten der Jugend« beschäftigt sich mit Bildern, Symbolen und Codes hypothetischer Riten, die der Jugend gewidmed sind. Die Betrachter*innen werden aufgefordert die angebotenen Spuren und Hinweise in eigene Szenarien umzuwandeln. Mit diebischer Freude schleudert, puzzelt und appropriiert Jérôme Chazeix, reißt Versatzstücke aus verschiedenen Kontexten und verknüpft sie zu neuen Zusammenhängen. Dies ergibt einen popistischen, hochgradig additiven und kombinatorischen Mix, der unseren Zugang zur visuellen Kultur in einem von der digitalen Bilderflut bestimmten Zeitalter hinterfragt. Durch multimediale Erlebnisse, die Chazeix als »Gesamtkunstwerk« bezeichnet, feiert der in Berlin lebende Künstler pulsierende Parallelwelten.

Jérôme Chazeix lädt uns in eine reizüberflutende Parallelwelt in Form einer „Wunderkammer“ ein, die okkulte und esoterische Elemente sowie Mode, elektronische Musik und Einflüsse aus der Massen- und Popkultur miteinander vereint. In seinem „Gesamtkunstwerk“ kombiniert der Künstler verschiedene Materialien und Medien zu einer impulsiven und hypersensibilisierenden Metaphorik der visuellen Kultur. Die mit etwa 2000 Motiven dicht bedruckten Wandtapeten und ein dauerhaft abgespielter Elektro-Sound hüllen uns ein und erwecken das Gefühl von Fremdheit, Desorientierung und schierer Überwältigung. Chazeix spielt mit Querverweisen, die mit dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Medien einhergehen und verbindet neue Arbeiten mit früheren Projekten zu einem komplexen Szenario. Er appropriiert, addiert und dekontextualisiert kulturelle, symbolische und codierte Gegenstände aus unterschiedlichen Epochen und Kontinenten und verweist so auf die universelle Lehre. Der Versuch, einen kunsthistorischen oder philosophischen Zusammenhang zwischen den einzelnen Elementen dieser Komposition zu erkennen, wird fortlaufend unterwandert.
Beim Betreten des ersten Raums werden wir bereits mit einer medialen Bilderflut konfrontiert, die unser Zeitalter definiert und von Chazeix zur Disposition gestellt wird. Die Reduzierung des natürlichen Lichteinfalls auf die Oberlichter lässt den ersten, fast hermetisch verschlossenen Raumteil wie eine Grotte erscheinen. Diese Assoziation mischt sich mit der eines rituellen Tempels sowie im Zusammenspiel mit der elektronischen Musik und dem grellen Licht der Neonröhren mit der Ästhetik eines Techno-Clubs. Die Motive der Grotte und des Tempels finden sich in verschiedenen Variationen auch auf den Wandtapeten wieder und werden umgeben von Schamanen- und Alchemisten-Darstellungen, Abbildern spiritueller Körper, von Artefakten, Kunstobjekten und Reliquien sowie von zahlreichen Handybildschirmen mit Botschaften in hieroglyphischer und mittelalterlicher Schrift. Auf den Tapeten heben sich die freigestellten Bilder der Grotten, Schamanen und Löweskulpturen von ihrem Untergrund ab und bilden innerhalb der gesamten Installation drei tragende Momente, die sich in der Architektur, in Werten wie Kraft und Stärke sowie in der Verbindung von Himmel und Erde äußern. Die gewählten Body Paint-Farben der männlichen Akte folgen Goethes Farbenlehre. Diese steht in Verbindung mit einem geschlossenen, idealistischen Weltbild, das von Rudolf Steiner und der Anthroposophie in die Gegenwart getragen wurde. Die bemalten Körper sind skulpturenhaft in Posen erstarrt. Sie weisen Referenzen zu Ikonen aus der Antike auf und lassen Momente spiritueller Ekstase und Illumination sichtbar werden. Die Mischung von Farbe und Joghurt verleiht den Körpern eine marmorierte Oberfläche und verstärkt somit die skulpturale, antike Ästhetik. Der Vorhang im ersten Raum fasst alle auf den Tapeten gezeigten Aktfiguren zusammen und präsentiert verschiedene körperliche Stadien der Erleuchtung als Gesamtbild.
Die Slogans auf den Smartphone-Displays, wie „Du bist eine lodernde Fackel“, „there is something magic in all this“ und „Entlastung vom Schmerz der Welt“, sind mit positivem Denken besetzt und vermitteln den Wunsch nach Katharsis, Fortschritt und Verortung des Selbst. Sie befinden sich zugleich in einem Übergangsprozess, in dem sie ihre ursprüngliche Bedeutungskraft verlieren oder bereits verloren haben und inhaltlich neu besetzt werden können. Auf dem Vorhang im zweiten Teil des Raumes finden sich alle Displays und Botschaften wieder. Viele der dargestellten Smartphones sind mit menschlichen Händen nahezu verwachsen. Sie lassen sich einerseits als Symbol für den heutigen Zeitgeist verstehen, muten jedoch auf den Tapeten wie Kunstobjekte und Reliquien aus der Vergangenheit an.
Zwei Videos im Loop werden abgespielt, die Chazeix unter dem Titel new consciousness zusammenfasst. In new consciousness I tanzen junge Erwachsene den Shuffle (2019), der über Social Media in den 2000er Jahren einen Boom erlebte und durch seine spezifischen Bewegungsabläufe eine Art Schwebezustand suggeriert. Der beständige Elektro-Sound rührt von der Videoarbeit new consciousness III, die eine Teenager-Gruppe beim Tanz im Stroboskoplicht zeigt. Chazeix lud die Jugendlichen im Jahr 2010 innerhalb der im Künstlerhaus Meinersen ausgestellten Installation Golden Dance ein, in der Ausstellung zu tanzen und ihre Energie auf den Raum zu übertragen. Dieses Projekt stellt der Künstler nun in einen neuen Zusammenhang. Die Betrachter*innen selbst werden hier ebenso animiert, in die repetitiven Bewegungen einzusteigen und sich in ‚Ekstase‘ zu tanzen. In partizipatorischen Projekten wie diesen reflektiert und hinterfragt Chazeix die Ideen des modernen Ausdruckstanzes, die sich in der Befreiung des Selbst und der Stärkung des Körperbewusstseins ausdrücken und die Überwindung von Geschlechterrollen und sexueller Unterdrückung intendieren. Der therapeutische Ansatz wird hier durch die formale und ästhetische Ebene überlagert. Zugleich betont der Künstler die Energetik des Tanzes und schreibt ihr im Prozess der Transmission eine bedeutende Rolle zu.

gefördert vom Kulturamt

Jérôme Chazeix
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